Die andere Seite

 

 

         Gegenwart. 

 

        Das jüngste Gedenken an die Opfer des Naziregimes ist die eine Seite, die staatstragende. Die Ablehnung der Stadt Innsbruck, die Entnazifizierungsakten einsehen zu lassen und der Umgang der Tiroler Justizbehörden mit der Morddrohung an eine Jüdin ist die andere Seite, die zutiefst beschämende.

 

        Die Gesichter an diesen Gedenktagen zeugten von ernsthafter Anteilnahme. Rückwirkend quasi, rückblickend in die Zeit, in der am Landhaus die Hakenkreuzfahne wehte, die Tiroler stramm den Hitlergruß konnten und Menschen jüdischen Glaubens jegliche Menschlichkeit abgesprochen wurde. Vorausblickend waren sie auch, die offiziellen Gesichter. Am 2. Mai beispielsweise, als im Landhaus der Festakt zur Befreiung Innsbrucks und Tirols stattfand. Dabei sprach die Innsbrucker Bürgermeisterin Hilde Zach davon, dass es nicht viele gegeben habe, die unerschrocken oder aufrecht gewesen seien, sie beschwöret damit die Zivilcourage. Und Landeshauptmann Herwig van Staa betonte die Notwendigkeit der Aufklärungsarbeit. Von Menschenwürde war auch die Rede, unverzichtbar sei sie und unteilbar. Wie überall in Österreich und Deutschland wurden die offiziellen Gedenkgesichter, mit dem meist so eindringlichen Widerstandskämpferblick, in den Zeitungen abgebildet. Eine Momentaufnahme angesichts des zum 60. mal verjährten Ende des Schreckens. Eine Momentaufnahme, die mit der alltäglichen Realität wenig zu tun hat. Der Realität einer Gegenwart, in der der klärende Blick in die Innsbrucker Wahrheit dieser Zeit von Amts wegen verhindert  wird und in der Mitglieder der schmerzhaft kleinen jüdischen Kultusgemeinde Angst haben, ja Angst haben müssen.

 

        Die Morddrohung. „[...], du kleine Judensau, du kleine Judenschlange ich fass mich sehr kurz. Kurz wird auch dein Leben sein, verstehst, weil wir werden wieder stark. Wir werden wieder stark. Warte, und wir werden euch töten - auch dich. Warte. Sieg heil, Sieg heil, Sieg heil.

 

        Schon beim Schreiben dieser Worte zittern die Finger, so als würden sie eine eigene Wahrnehmung besitzen und dem Irrsinn nicht folgen wollen. Unüberschreitbar aber ist das Entsetzen, welche diese  Worte vor rund zwei Jahren bei der Empfängerin ausgelöst haben. Frau F. will nicht, dass ihr voller Name genannt, will nicht, dass ein Bild von ihr veröffentlicht wird. Sie ist Jüdin und fürchtet sich vor den Folgen.

 

        Dass sich in Tirol im Jahr 2005 eine Frau jüdischen Glaubens davor ängstigen muss, mit einer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, die den meist salopp als „ewig gestrig“ herunter gespielten braunen Bodensatz ins rechte Licht rückt, ist an sich schon unfassbar, ist eine Tatsache, die jene Lügen straft, die behaupten, „diese“ Zeit, in der Jude zu sein lebensgefährlich war, sei vergangen, sei aufbereitet und lediglich Mahnmal dafür, dass „das“ nicht mehr passieren dürfe. Und doch darf es passieren.

 

        Die anonyme Morddrohung wurde Frau F. auf der Mobil box ihres Handys hinterlassen. Dafür gibt es Zeugen, auch in der Bundespolizeidirektion, welche die Bedrohte in ihrer Angst aufsuchte. Der Beamte,  bei dem sie vorstellig geworden war, kann sich gut daran erinnern und sagt: „Die Drohung war sicher ernst zu nehmen.“

 

        Mit der weiteren Bearbeitung der Morddrohung wurde die Sicherheitsdirektion beauftragt. „Den Text weiß ich noch“, sagt dort der zuständige Mitarbeiter. Solche Texte vergisst man nicht. „Mittels Rufdatenrückverfolgung konnten wir den Täter ermitteln und bei Gericht Anzeige erstatten“, so der Polizeibeamte weiter, „wir haben den Beweis geliefert. Es war Aufgabe des Gerichtes, das entsprechend zu würdigen und zu bewerten.“

 

Die Bewertung der Morddrohung wurde Frau F., die ihre ersten Lebenserinnerungen an ein Lager des faschistischen Italiens knüpft, Ende vergangenen Jahres zugestellt. Per Post und mit die Drohung nicht gewürdigten Inhalts.  In dem Brief des Landesgerichtes Innsbruck heißt es, das Verfahren sei „mangels ausreichender Beweise“ eingestellt worden.  „Es wurde ausreichend geprüft“, rechtfertigt der Presse-Staatsanwalt das Ergebnis der Untersuchungen jenes Kollegen, der am Landesgericht für Wiederbetätigung zuständig ist, „es gab zwei Verdächtige, Vater und Sohn. Wen würden sie verurteilen? A hat ein Alibi und B könnte es gewesen sein.“ Das war’s. Mehr nicht.

 

        Unheimlich mutet auch an, dass nach der Morddrohung, die keine Fragen offen lässt, die Schlichtungsstelle eingeschaltet wurde. Muss jemand, der als „Judensau“ bezeichnet und dem mit einem dreifachen „Sieg Heil“ ohne Umschweife gesagt wird, welch abstoßender Geist hinter der Nachricht steckt, sich mit dem zusammensetzen, möglicherweise einen Tee trinken und die „Sache“ ausreden, der ankündigte, ihn umzubringen? Die Morddrohung an die Tiroler Jüdin blieb ohne Folgen. Für den Täter jedenfalls. Frau F. aber bleibt die Bitterkeit. In Tirol im Jahr 2005 sind andere offensichtlich schützenswerter.

 

        Die Innsbrucker Nazis. Ausgerechnet mit dem 20. April 2005, an dem möglicherweise auch der juristisch unbehelligte „Morddroher“ den 60. Jahrestag des letzten Geburtstages Adolf Hitlers feierte, ist eine Absage des Magistratsdirektors der Stadt Innsbruck datiert. Am 8. März 2005 hatte ECHO eine Frage an das Stadtmagistrat Innsbruck gestellt, die Frage, ob und wie es möglich sei, die Entnazifizierungsakten der Landeshauptstadt einzusehen.

 

        Es sei dies das erste Mal, dass jemand danach frage, hieß es  vom zuständigen Beamten, die Sache müsse erst geprüft werden. Sechs Wochen nahm die Prüfung in Anspruch. Was sie ergab schreibt Magistratsdirektor Christoph Platzgummer: „[...] Sofern nicht ausgeschlossen werden kann, dass Interessen auch von Hinterbliebenen Familienangehörigen, von Zeugen, Sachverständigen und sonstigen am jeweiligen Verfahren beteiligten durch die Öffnung der Akten beeinträchtigt werden könnten, müssten die Zustimmungen sämtlicher Betroffenen vor einer Akteneinsicht nachgewiesen werden.“

 

        Demnach muss der, der heute - 60 Jahre später - wissen will, wie viele der Innsbrucker NSDAP-Mitglieder beispielsweise  schwer belastete Fanatiker oder Minderbelastete „kleine Nazis“ waren, Hinterbliebene, Zeugen, Sachverständige sowie Sonstige ausfindig machen und von ihnen die Erlaubnis zur Einsicht der Akten einholen. Ein vollkommen unmögliches Unterfangen. Das weiß auch der Magistratsdirektor, der abschließend und um Verständnis bittend schreibt: „Aus diesem Grunde kann eine Bewilligung zur Einsichtnahme in die Entnazifizierungsakten wie beantragt nicht erfolgen.“ Das war’s. Mehr nicht.

 

        Doch das Verständnis, um das Platzgummer bittet, ist nicht aufzubringen. Vielmehr weckt er dadurch Fragen, möglicherweise unangenehme Fragen: Was hat die Stadt Innsbruck zu verstecken, wen will die Stadt Innsbruck decken, dass sie die Wahrheit nicht ans Licht kommen lassen will? Warum darf niemand wissen, was im Stadtarchiv versteckt liegt? Sind es unangenehme „Bomben“, welche die mit so großer Aufgeregtheit quittierte Nachricht der NSDAP-Mitgliedschaft Eduard Wallnöfers als Nebensache erscheinen lassen? Warum blockt die Stadt jede Aufklärung ab - im Gedenkjahr, in dem so viel von notwendiger Aufklärungsarbeit die Rede ist und das Landesarchiv im Gegensatz zum städtischen Pendant den Zugang zu den Entnazifizierungsakten dann gewährt, wenn die Bestimmungen des Datenschutzgesetzes eingehalten werden?

 

        Erdrückend ist im Umgang mit der Vergangenheit die Macht der Fakten der Gegenwart - in der die Menschenwürde von potenziellen Nazi-Tätern der 1930-er und 1940-er Jahre offensichtlich unteilbarer, unverzichtbarer und schützenswerter ist, als  jene von potenziellen Nazi-Opfern im Jahr 2005. Das ist die andere Seite der Gedenkmedaille - die zutiefst beschämende.

 

Redaktion von Frau Alexandra Keller.

 

Kalendarium

 

Foto 1: Bozner Platz, Richtung Brixnerstraße (von), Innsbruck 1930

Vorbereitung der Bevölkerung für die intertectuelle Inzucht

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Foto 2: Vorbereitung der mentalen Stärke

Der Tivoli, Richtung Pradl (Norden), Innsbruck 1930

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Foto 3: Umerziehung der menschlichen Gesinnung

Der Tivoli, Richtung Pradl (Norden), Innsbruck 1930

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Nie mehr wieder !

Und Heutzutage ?

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© Arenas August 30. 2017